junge digitale bilderkunst 15


_ Titelsite ‹bersicht Vorwort biografie

Algorithmus und Intuition - Die Kunstprogramme von Thomas Hermsdorf

Thomas Hermsdorf ist von seiner Ausbildung und vom künstlerischen Selbstverständnis her Maler. Durch die Beschäftigung mit Mosaiken und Ornamenten ist er zum Computer gekommen und hat Programmieren gelernt. Seit einiger Zeit schreibt er künstlerische Programme.

Mit einem dieser Programme kann man direkt mit der Maus zeichnen. Die mit diesem Programm "Skizzo" gemachten Bilder haben eine ästhetische Besonderheit, sie bestehen alle aus einer Ansammlung von Figuren. Einige davon wirken wie kleine Gliederpuppen, mit anderen assoziiert man eher insektenartige Krabbeltiere. Innerhalb einer Grafik sind die Figurvariationen immer vom selben Typus, die kompositorische Anordnung der Figuren ist dagegen sehr verschieden. Es gibt sehr offene, formal einfache Kompositionen, bei denen die Figuren wie in einem Raster Zeile für Zeile stehen. In den Bildern, in denen die Figuren mehr aus der Reihe tanzen, Verdichtungen bilden und Lücken lassen, verschmelzen sie zunehmend zu Texturen und bilden abstrakte Flächengefüge. Wurden die Figuren beim Zeichnen häufiger überlagert, verschwindet ihre Form fast ganz in der Fläche. Nur an den Grenzen von Schwarz und Weiß bleiben sie fragmentarisch sichtbar.

Bei den dichteren Zeichnungen sieht man hinter der Textur nicht gleich die vielen Figurenvariationen. Bei den offeneren Kompositionen, bei denen jedes Bildelement für sich sichtbar ist, wird deutlich, daß die Texturen Variationen von einzelnen Figuren sind. Diese Eigenart entsteht dadurch, dass die Pinselspitze (Kursor) des Malprogramms in Echtzeit während des Malens automatisch modifiziert wird. Die Pinselführung ist dagegen frei und intuitiv nutzbar, wie bei gewöhnlichen Malprogrammen. Die Bilder entstehen wie eine Paintgrafik, aber mit der Raffinesse einer automatisch bestimmten Textur.

Das Programm hat sich Hermsdorf, weil es für seinen ersten Rechner kein Zeichenprogramm zu kaufen gab, selbst geschrieben. Doch ist dieses Programm, "Skizzo", kaum mit einem konventionellen Freihandzeichenprogramm vergleichbar. "Skizzo" ist kein abgeschlossenes Produkt, sondern eine Programmumgebung, die offen für Eingriffe und Veränderungen ist. Verglichen mit kommerziellen Grafikprogrammen sind die Möglichkeiten seines Programms sehr eingeschränkt. Es ist nur für Schwarz-Weiß-Bilder gedacht, und es fehlen die üblichen Gestaltungsfunktionen. Zwar könnte auch ein anderer Künstler mit diesem Programm arbeiten, doch optimal kann es nur Hermsdorf nutzen. Er hat es sich, wie er sagt "in die Finger geschrieben" und es immer wieder neu an seine künstlerischen Intentionen angepasst. Diese Möglichkeit hat der Nutzer kommerzieller Anwenderprogramme nicht. Er muss weitestgehend die vorhandenen, programmimpliziten ästhetischen Vorgaben akzeptieren.

Thomas Hermsdorf kann demgegenüber bei seiner Suche nach neuen Bildstrukturen sein Programm beliebig modifizieren. Dabei gilt seine Recherche nicht aufwendigen Algorithmen, die natürliche Strukturen von Aquarellbütten oder Leinwand simulieren, denn als Maler weiß er, dass er dafür keinen Computer braucht. Seine programmierte, dynamische Pinselspitze erzeugt beim Zeichnen eine künstlerisch gewollte, erfundene Textur oder Bildstruktur, die spezifisch für die jeweilige Programmversion und Bildabsicht ist. Es werden dafür verschiedene Figuren wie ein kleiner Zeichentrickfilm als Pinselform animiert. Indem diese Pinselanimation der Mausbewegung oder einer Programmanweisung folgt, hinterlässt sie eine Spur ihrer Variationen auf der Monitorfläche. Einige Figurenvariationen sind dabei gezeichnete Bitmapanimationen andere basieren auf Programmroutinen, die in Echtzeit einer algorithmischen Beschreibung folgend, die Figurenvariation generieren.

Dass Hermsdorf sehr an computerspezifischen Texturen und Bildstrukturen interessiert ist, zeigen seine "Zello"-Programme. Diese Programmgruppe basiert, wie der Name schon vermuten lässt, algorithmisch auf zellularen Automaten. Diese Programmgebilde stellen eine Gruppe von Anweisungen dar, die auf existente Bedingungen - hier auf vorhandene Zustände einer Bitmap - mit einem Set von möglichen Aktionen kontextabhängig reagieren. Die Parameter, die Farbwahl oder Helldunkelverteilung werden dabei zwar intuitiv festgelegt, doch ansonsten erzeugt dieses Verfahren vollautomatisch Bilder. Gegenüber "Skizzo"-Grafiken fällt bei den "Zello"-Bildern die stärkere Regelmäßigkeit auf, die aber nicht einfach beschreibbar ist. Der Grund dafür ist die Verknüpfung vieler Regeln, die der Computer in immer neuen Zusammenstellungen Schritt für Schritt wiederholt und ausführt, bis das Bild fertig ist. Für Hermsdorf sind diese Bildautomaten Experimentierwerkzeuge, mit denen er den algorithmischen Datenraum erkundet. Dadurch, dass sie nicht einfach über Symmetrien oder ähnlich einfache Regeln ableitbar sind, erhalten sie eine spezifische ästhetische Spannung. Doch obwohl Hermsdorf diese Automaten Freude bereiten und ihn der Automatismus fasziniert, billigt er dem Ergebnis allein keine Kunstqualität zu. Er nutzt diese Programme lediglich zur Entwicklung von Texturen, die er dann in anderen Bildern übernimmt und weiterverarbeitet.

Hermsdorfs künstlerische Position lässt sich noch etwas deutlicher durch einen Vergleich mit anderen Künstlern herausarbeiten. Besonders die Grafiken, die im wesentlichen Reihungen von variierten Bildelementen sind, erinnern stilistisch entfernt an den frühen Manfred Mohr und auch an einige Arbeiten Vera Molnars. Eine genauere Analyse zeigt, dass diese Computerkünstler der ersten Generation formalistisch mathematische Funktionen teils mit Zufallsgeneratoren variieren. Hermsdorf hingegen integriert direkte intuitive Verfahren in seine Arbeit zur Ergänzung und Erweiterung der programmierten Funktionen. Die Gegenüberstellung von "Skizzo"- und "Zello"-Bildern machen den Unterschied im künstlerischen Ansatz der Computernutzung sogar innerhalb seines Schaffens deutlich. Die "Zello"-Bilder zeigen, dass sich auch mit der Algorithmik noch so ausgeklügelter Bildautomaten allein nicht die künstlerische formale Komplexität erreichen lässt, die für den Menschen durch intuitives - auch widersprüchliches und unlogisches -Vorgehen ohne weiteres erzeugbar ist.

Dieser Vergleich zeigt, welche fortschrittliche Position Hermsdorf einnimmt. Künstler wie er reagieren auf das Unbehagen an der exakten, reduzierten Computer-Ästhetik. Sie erweitern - aufbauend auf die Arbeit der Computerkunstpioniere - die algorithmische Kunst um die direkte intuitive Komponente. Sie überwinden damit die bildnerischen Grenzen, die durch die Beschränkung auf algorithmische Verfahren entstehen. Wie stark die Einschränkungen sind, wird deutlich, wenn man sich dem Gedankenexperiment unterzieht und versucht, für die etwas komplexeren "Skizzo"-Bilder ein kompositorisches Bildungsgesetz zu finden. Selbst wenn es vielleicht solch einen Algorithmus gibt, vom Arbeitsaufwand her stände die Suche danach in keinem Verhältnis zur direkten Ausführung mit "Skizzo". Also nicht nur bei semantisch komplexen Kunstwerken, wo jedem sofort einleuchtet, dass es keine algorithmische Beschreibung geben kann, sondern auch bei formalen bildnerischen Problemstellungen ist die Algorithmik allein künstlerisch kraftlos. Je komplexer und semantischer die Bildkunst ist, umso unsinniger wird die Suche nach einem automatischen, algorithmischen Herstellungsverfahren. Hermsdorfs künstlerische Position führt aber auch weiter als die rein intuitive Nutzung von Anwenderprogrammen, die mehr oder weniger konventionelle Gestaltungstechniken simulieren. Damit umgeht er die auch in den besten Anwenderprogrammen impliziten ästhetischen Grenzen. Er hat die Fähigkeit, sich programmierend algorithmische Funktionen zu modifizieren, kann also frei mit dem Computer arbeiten. Doch Hermsdorf programmiert nur das, was notwendig ist, sucht Algorithmen, wo sie ihm helfen können, und den Rest macht er mit der Hand. Damit gehört Hermsdorf zu jenen zeitgenössischen computernutzenden Künstlern, die das Programmieren, die Algorithmenentwicklung und den intuitiven Bildgestaltungsakt unverkrampft verbinden. Durch die intuitive Gestaltungsweise bekommen seine "Skizzo"-Bilder ihren künstlerischen Wert, durch die algorithmische Bildstruktur erhalten sie den unverwechselbaren ästhetischen Charakter einer Computergrafik. Künstlerisches Problembewusstsein und visionäre Vorstellungskraft, Algorithmik und Intuition verbinden sich zu Computerkunst, wenn ein Künstler wie Thomas Hermsdorf am Werk ist.

Gerd Struwe

_ Titelsite Übersicht Vorwort biografie