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Texte zur Kunst- und Medienpädagogik:

Publiziert:

In: DIE Hl/95, Hrsg.: Deutsches Institut für Erwachsenenbildung, Frankfurt/M., 31-34



Kunst mit Neuen Medien - Kulturelle Bildung mit Computern in der VHS.

Unsere Kultur wird zunehmend von digitalen elektronischen Medien bestimmt. Die Medienbranche boomt, Datenhighways, Multimedia, Pay-TV etc. versprechen riesige Informationsmärkte zu werden. Die in den letzten Jahren gegründeten Medienkunsthochschulen und einige neueröffnete Fachbereiche für Medienkunst an Kunstakademien sind deutliche Belege für die zunehmende kulturelle Relevanz der elektronischen Ästhetik. Kunstpädagogische Projekte im Regelschulbereich (vgl. Digitale Bilder im Kunstunterricht) und in der Kulturpädagogik (vgl. Glaap) zeigen, dass hier eine Auseinandersetzung mit den Neuen Medien stattfindet. Auch in den Volkshochschulen werden zunehmend Kurse zur Typographie und Satzgestaltung (DTP), Computergrafik (CAD), elektronischen Bildbearbeitung (EBV), Datenfernübertragung (DFÜ) etc. angeboten. Allerdings sind es in der Regel die Fachbereiche EDV und berufliche Bildung, die sich dieser Themen annehmen. Da die ästhetische Praxis, und damit selbstverständlich auch die mit elektronischen Medien, vom Gegenstand her kulturelle Bildung ist, stellt sich die Frage, warum sie kaum in den dafür vorgesehenen Fachbereichen betrieben wird. Ein Blick in die Praxis der VHS-Leverkusen soll im folgenden zeigen, welche Wege beschritten werden können und welche Probleme dabei zu erwarten sind.

Mit Beginn meiner Beschäftigung an der VHS-Leverkusen Anfang 1989 nahm ich Angebote zum Thema "Kunst mit neuen Medien" in das Kursprogramm auf. Die Motivation dafür entsprang meiner eigenen künstlerischen und kunstpädagogischen Beschäftigung mit Computern. Durch meine Erfahrungen mit Computeranwendungen in verschiedenen Feldern kultureller Bildung (vgl. Struwe 1987, 1990) ging ich als VHS-Neuling davon aus, dass man solche Angebote auch in Volkshochschulen machen könnte. Die einzige praktische Hürde stellte zunächst der Zugang zu den Geräten dar, denn die VHS-Leverkusen hatte Anfang 1989 noch keine EDV-Ausstattung. In einer Berufsschule fanden sich grafikfähige Geräte und der zuständige Schuldirektor ließ sich davon überzeugen, dass auch ein Kunstpädagoge mit Computern arbeiten kann. Um die noch vorhandene Skepsis gänzlich zu überwinden, wurde einer der zuständigen EDV-Fachlehrer als Kodozent für die Einführung in die Computernutzung engagiert.

Als erste Kurse wurden angeboten: "Malen und Zeichnen mit dem Computer" und "Textgestaltung mit dem Computer". "Textgestaltung" war mit Null Anmeldungen ein Flop. Für den Kurs "Malen und Zeichnen" fanden sich dagegen auf Anhieb acht Frauen zwischen 19 und 67 Jahren, dazu zwei Männer um die 20, also die übliche Zusammensetzung für einen Malkurs. Das Angebot war für Computerlaien mit gestalterischen Grundkenntnissen ausgeschrieben. Der Kurs sollte mit der Einführung in die Gerätenutzung beginnen und aufbauend auf Erfahrungen mit konventionellen Gestaltungsmitteln die spezifischen Möglichkeiten des digitalen Bildermachens vermitteln.

Bei der Vorstellung der Kursteilnehmer stellte sich dann heraus, dass sie kaum gestalterische Grundkenntnisse besaßen. Deshalb musste der Kurs zu einer kombinierten Einführung ins Zeichnen und in die Computergrafik umstrukturiert werden.

Nach der Einführung in die Gerätenutzung wurde, um den Einstieg zu erleichtern, zunächst mit Gestaltungsfunktionen experimentiert, die an konventionelles Arbeiten angelehnt sind, z.B. Freihandlinie, Linealstrich, Kreisziehen. Beim "Mischen" der Farbpalette lernten die Teilnehmer die Spezifik des Farbsystems und die Bildschirmauflösung als wesentliche ästhetische Determinanten der Computergrafik kennen. Diese Phase diente dazu, ein Gefühl für die ästhetischen Eigenarten von Monitor, Grafikprogramm und Maus zu bekommen.

Der nächste Abschnitt brachte teilautomatische Gestaltungsfunktionen wie Symmetriezeichnung, Flächenfüllen mit selbstdefinierten Mustern, Farbverläufe, Verformung von Bildausschnitten u.a. Bei dieser computertypischen Art von Gestaltungshilfen werden nicht mehr konventionelle Techniken nachgeahmt, sondern komplexere Aufgaben algorithmisiert. Flächen die plastisch wirken sollen, lassen sich z.B. per Mausklick so mit einem Farbverlauf füllen, dass sie räumlich wirken. Mit Hilfe solcher Funktionen sollte nun eine Serie plastisch wirkender Masken entwickelt werden. Bei der Ausführung ergab sich dann ein typisches Problem. Die ungeübten Zeichner gingen ziellos aber mit großem Spaß mit den Funktionen um erreichten fast automatisch Bildeffekte, die sie mit konventionellen Mitteln nicht erreicht hätten. Es kostete daraufhin einige Mühe, das Interesse wieder auf die konkrete Aufgabe und damit auf die gezielte Anwendung der Funktionen zu lenken.

Mit einer integrierten Perspektivfunktion sollte als nächstes ein Innenraum entworfen und dann in verschiedenen Varianten eingerichtet und ausgestattet werden. Durch die Anwendung dieser schon relativ komplexen Automatikfunktion wurde den Teilnehmern nun endgültig klar, dass auch die schönsten Gestaltungshilfen niemanden davon befreien, sich das notwendige bildnerische Wissen anzueignen. Ließen die verschiedenen bis dahin benutzten Werkzeuge auch ohne durchdachte Vorgehensweise vordergründig recht interessante Bildeffekte entstehen, so zeigte sich hier, dass die Automatik nur sinnvoll anwendbar ist, wenn die Regeln der Perspektive begriffen wurden. Nach dieser Erfahrung relativierte sich der Spaß an den vielen Effekten merklich und es wurde nun auch mit einfachen Funktionen bewusster umgegangen.

Den Höhepunkt des Kurses bildete die elektronische Fotografie und deren Nachbearbeitung mit dem Grafikprogramm. Die Teilnehmer machten mit einer Videokamera gegenseitig digitale Porträts und lernten anschließend, diese elektronischen Fotos mit dem Grafikprogramm zu manipulieren, zu verfremden und umzugestalten. Es wurden verschiedene Porträts gemischt und groteske Verformungen ausprobiert. In dieser Phase wurden die Kombinierbarkeit gängiger Bildgattungen durch Digitalisierung und die damit einhergehenden manipulativen Potenzen elektronischer Bildbearbeitung deutlich und vom Prinzip her praktisch erfahren.

Der Kursaufbau hatte sich im wesentlichen als praktikabel und interessant erwiesen, was sich unter anderem daran ablesen ließ, dass bis auf einen Teilnehmer alle bis zum Schluss durchhielten. Das größte Problem der Kursteilnehmer dieses ersten Kurses war, dass keiner einen Computer privat nutzen konnte, eine Fortführung der Praxis also keinem möglich war. Das bremste die praktischen Fortschritte und vor allem die Motivation, sich weitergehend mit dieser Art von Gestaltung auseinander zusetzen.

Dieser Kurs wurde auch in den folgenden Studienjahren angeboten und durchgeführt. Ausweitungen des Angebots, wie der Versuch, einen VHS-Computerclub zu initiieren oder mit speziellen Angeboten für Homecomputernutzer weitere Interessengruppen zu gewinnen, schlugen vollkommen fehl. Das ab dem Studienjahr 1991/92 angebotene Seminar "Computerunterstützte Videogestaltung" fand dagegen genügend Interessenten. Da für diese Seminare nur ein Videoschnittplatz verfügbar ist, beschränkt sich dieses Angebot aber auf die Vorstellung der Möglichkeiten von Titelgestaltung, 2D-Computeranimation, Videodigitalisierung und Genlocktechnik.

Aus organisatorischen Gründen mussten die Computerkunstkurse nach drei Jahren in den inzwischen eingerichteten VHS-Computerraum verlegt werden. Da der Aufbau der EDV-Standardkurse Priorität hatte, außerdem die Auslastung der künstlerischen Kurse relativ unsicher war, wurden nun anstatt Kursen Wochenendseminare angeboten. Durch diese Modifikation änderte sich die Zusammensetzung der Teilnehmer. Erstmals waren es in der Überzahl Männer, die alle einen privaten Computer nutzen konnten. Die meisten Teilnehmer hatten schon Erfahrung mit Grafikprogrammen und kamen in das Seminar, um Anregungen für die private kreative Nutzung zu bekommen. Gestalterische Erfahrung und konkrete Ambitionen hatten die meisten allerdings noch nicht. Doch obwohl auch diese Wochenendseminare gut anliefen, bröckelte die Nachfrage stetig ab. Der Hauptgrund dafür war sicherlich die langsam anwachsende Konkurrenz. Spezifische Einführungen in marktgängige Satz- und Grafikprogramme in den EDV-Bereichen umliegender Volkshochschulen und natürlich auch im eigenen Haus trafen das Bildungsinteresse der wachsenden Schar von PC-Anwendern eher als allgemein auf künstlerische Gestaltung ausgerichtete Seminare. Diese Entwicklung ging so weit, dass momentan mangels allgemeiner Nachfrage Computerkunstkurse nur noch im Rahmen einer ganzjährigen Studienvorbereitungsklasse stattfinden.

Parallel zum Kursangebot wurden 1989 die Ausstellungsreihe "Junge digitale Bilderkunst" (vgl. Junge digitale Bilderkunst) gestartet und eine ergänzende Vortragsreihe zu Themen der Computerkunst durchgeführt. Damit wurden zwei Zwecke verfolgt. Die neue Kunstform wurde vor Ort und allgemein zugänglich. Durch Ausstellungen professioneller ästhetischer Praxis im zentralen VHS-Standort Forum Leverkusen konnten potentiellen Kursteilnehmern die spezifischen bildnerischen Möglichkeiten auch für die eigene Kreativität deutlich werden. Die Vorträge der Künstler ermöglichten zusätzlich eine theoretische Annäherung an diese neue Ästhetik. Da Künstler, auch wenn sie neue Medien nutzen, oft ein durchaus kritisches Verhältnis zu den technischen Segnungen haben, bieten die Ausstellungen und Vorträge eine gute Möglichkeit, die kulturellen Perspektiven der elektronischen Bilder von verschiedenen Seiten zu betrachten.

Zusammenfassend lässt sich feststellen: Das Interesse an Computerkunst und elektronischer ästhetischer Praxis ist allgemein noch relativ gering. Die gängigen Kursangebote in Volkshochschulen zeigen, dass das Publikum überwiegend an traditionellem bürgerlichen Bildungsgut und an hedonistischem Nachvollzug künstlerischer Praxis orientiert ist. Für diese Bedürfnisse bietet die Medienkunst mit Computern auf den ersten Blick kaum Anreize. Es verwundert deshalb nicht, dass Ausstellungen und Vorträge vorwiegend von einer kleinen Fangemeinde und einer überregionalen Insiderszene frequentiert werden.

Dass die computerunterstützte künstlerische Arbeit noch nicht viele VHS-Teilnehmer anzieht, ist hauptsächlich damit zu erklären, dass Computer als bildnerisches Mittel noch nicht als allgemeiner Bestandteil der Freizeitkultur von Erwachsenen gelten. Privat erschwingliche Computersysteme und Grafiksoftware weisen trotz erheblicher Fortschritte in den letzten Jahren im Vergleich zu konventionellen Gestaltungsmitteln immer noch viele Unzulänglichkeiten auf.

Ein weiterer Aspekt ist, dass die bildnerischen VHS-Kurse überwiegend von Frauen besucht werden, der Computer aber eher von Männern hobbymäßig genutzt wird. Diese Sachverhalte tragen dazu bei, dass gegenwärtig eher männerorientierte, technisch formale Programmschulungen und berufliche Fortbildungen als bildnerisch orientierte Computerkurse nachgefragt werden. Hier gilt es also im Bereich kultureller Bildung Angebote zu entwickeln, die auf die in anderen Bereichen stattfindende einfache Programmschulung aufbauen. Es müssen, einhergehend mit zunehmender privater Nutzung, sowohl für die eher technisch orientierten männlichen Computerfreaks als auch für die mehr künstlerisch ambitionierten weiblichen VHS-Besucherinnen Angebote entwickelt werden, die zur künstlerisch-kreativen Nutzung anregen und damit zur Steigerung der visuellen Kompetenz beitragen.

Über der Entwicklung eines für kulturelle Erwachsenenbildung adäquaten Angebots mit neue Medien darf ein zentraler Punkt nicht außer acht gelassen werden. Das momentan größte Problem ist es, künstlerisch orientierte Computergrafik-Dozenten und medienkompetente pädagogische Mitarbeiter zu finden. Hier besteht ein absoluter Mangel und dementsprechend ein vorrangiger Aus- und Fortbildungsbedarf.

Literaturangaben:

Digitale Bilder im Kunstunterricht. Hrsg. vom Landesinstitut für Schule und Weiterbildung, Soest 1994.

Glaap, Dieter (Hrsg.): Kreative Arbeit mit Computern, Remscheid 1991.

Junge digitale Bilderkunst. In: computer art faszination Hrsg. von Gerhard Dotzler, Medieninstitut-Frankfurt, Frankfurt a.M., 1992ff.

Kataloge: Junge digitale Bilderkunst 1-18, Leverkusen 1989ff.

Struwe, Gerd: Computerpraxis im Kunstunterricht. In: BDK-Mitteilungen 1/1987, 33-37.

ders.: Erfahrungen eines computerunterstützten Kunstpädagogen in "Minimünchen". In: Kunst und Unterricht, Heft 138, Januar 1990, 38-42.