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Texte zur Kunst- und Medienpädagogik:

Von der Projektleitung abgelehnter Beitrag für den 2. Teil des Projektberichts

erster Teil des Berichts



Cyberscape - ein Modell für ein neues Lernfeld kultureller Erwachsenenbildung oder eine elektronische Variante sozio-kultureller Animation

(Gerd Struwe)

"Wege und Spuren - Ein virtueller Reisebericht" ist im zeitgenössischen Kontext Kultureller Bildung ein äußerst fortschrittliches Experiment gewesen. In ungewöhnlicher Weise wurde hier innovative künstlerische Form mit einem eher konservativen pädagogischen Arbeitsfeld verbunden.

Vier Teilnehmergruppen in verschiedenen Städten, die sich nicht persönlich kannten, sollten zum Thema "Wege und Spuren - Ein virtueller Reisebericht" einen kommunikativen Austauschprozeß von Bildern und Textkommentaren über die Webplattform "Cyberscape" realisieren. In Köln waren die Teilnehmer, in der Mehrheit Grafikdesigner, falsch orientiert. Sie wollten lernen, wie man professioneller Websites gestaltet und optimiert. Diese Gruppe löste sich rasch auf; die zweite Kursstaffel fand nicht mehr statt. Die Gruppe in Leverkusen, hatte kaum Erfahrungen mit Computergrafik und Internet. Hier entwickelte sich das Seminar zur Computergrafikschulung mit Ausstellungsmöglichkeit im Internet, ergänzt durch intensive Surfaktivität. Der Kontakt zu den anderen Gruppen in Hamburg, bestehend aus Designern und angehenden Webartisten und Potsdam, bestehend aus weiterbildungsinteressierten Pädagogen, beschränkte sich weitgehend auf einige fehlgeschlagene Kommunikations- und Handlungsangebote. Das Textforum wurde von den Leverkusener Teilnehmern sehr wenig benutzt und kaum rezipiert. Im Textforum geäußerte Statements und Aktionsangebote fanden, egal woher sie kamen, generell kaum sichtbare Resonanz. Die Webplattform wurde im wesentlichen zur Präsentation von mehr oder weniger thematisch arrangierten Bildern und Texten genutzt.

Die Zusammenarbeit der Gruppen über das Netz kann, obwohl das ein wesentliches Anliegen des Projekts war, als gescheitert betrachten werden. Die Ursachen dafür waren während der Projektdurchführung nur punktuell sichtbar und aus verschiedenen Gründen direkt kaum zu beheben. Die pädagogische Situation war sehr komplex und unübersichtlich. Kommunikation zwischen den pädagogischen Betreuern der Gruppen untereinander und auch mit der Projektleitung war relativ sporadisch. Die Seminartermine lagen weit auseinander, Kontinuität mußte jedes mal neu hergestellt werden. Das die Gruppen nicht immer gleichzeitig am Projekt arbeiteten, erschwerte die Kommunikation zusätzlich. Darüber hinaus mußten immer wieder technische Probleme und die mangelnde Vorbildung der Teilnehmer kompensiert werden.

Erst im Nachhinein, mit etwas Abstand betrachtet, sind einige Schwächen der Projektkonstitution genauer benennbar. Eine wesentliches Problemfeld war die Webplattform selbst. Sie war in der Anlage ein lineares Raster, in das sukzessive Bilder und Texte eingestellt werden konnten. Diese Struktur wurde schnell unübersichtlich und bot keine direkten bildnerischen Reaktionsmöglichkeiten zu den einzelnen Beiträgen. Die gegenseitige Bezugnahme wurde mit zunehmender Dauer des Projekts durch ansteigende Unübersichtlichkeit sogar immer stärker behindert. Für die Konzeption der Webplattform muß daraus folgend, die pädagogische Anwendbarkeit und vor allem die Kollaborationsmöglichkeit genauer geplant werden.

Ein weitere Schwäche war, unter den gegebenen Bedingungen, das weit gefaßte Thema. Es ergab sich, wie sich zeigte, kein zwingender Grund und auch keine motivierenden Anknüpfungspunkte, gruppenübergreifend das Thema gemeinsam zu bearbeitet. Die wenigen Vorschläge für Aktionen, waren in der Regel Aufforderungen die nicht einmal im weitesten Sinne das Reisethema berührten. Die Anstöße erfolgten darüber hinaus meist einem einkanaligem Schema, z.B. Schickt uns ein Bild zum Thema X, Macht ein Bild mal so und so, Verändert unsere Bilder etc. Darauf reagiert wurden so gut wie überhaupt nicht. Eine Diskussion über das, was man hätte gemeinsam tun können, fand nicht satt. Sie konnte online allerdings auch kaum stattfinden, weil die technischen Möglichkeiten für zeitversetzte Diskussionen in einem Forum oder für Chaten bei gleichzeitiger Präsenz nicht gegeben waren. Das Textforum hätte prinzipiell dafür genutzt werden können, war aber, wie schon angemerkt, zu unübersichtlich, um solch einen Findungsprozeß zu unterstützen. In einer relativ offen Handlungssituation wie Cyberscape müßte, wenn praktische Zusammenarbeit gewünscht wird, eine thematische engere Festlegung eingeplant oder über eine darauf ausgerichtete Sitestruktur determiniert werden. Alternativ könnte eine genauere thematische Absprache zwischen den Projektverantwortlichen im Vorfeld diese methodische Schwäche ausbügeln. Eine grundlegende Voraussetzung dafür ist allerdings der gemeinsame Wille der Projektverantwortlichen zur kooperativen Bearbeitung und Durchsetzung eines gemeinsamen künstlerischen Projekts.

Doch selbst wenn die kommunikativen Möglichkeiten besser strukturiert oder sogar redaktionell moderiert gewesen wären, scheint zweifelhaft, ob im konkreten Fall ein gemeinsamer Arbeitsansatz durch die Teilnehmergruppen selbst erarbeitbar gewesen wäre. Den die vorhandenen erheblichen Unterschiede der Teilnehmer in Bezug auf Vorbildung und Zielvorstellungen bewirkten fast zwangsläufig den Trend zu einer thematischen Konkurrenz der verschiedenen Projektgruppen bzw. eine geringe Neigung, sich auf Aktionsvorschläge Anderer einzulassen. Ob darüber hinaus gehende künstlerisch, gestalterische Konkurrenz, also latente Bestrebungen um geistige Führerschaft zwischen den Gruppen/Kursleitern eine weitere Ursache für die feststellbaren Kommunikationsbrüche sein könnten, wäre eine weitere interessante Fragestellung, die aber genauer untersucht werden müßte. In jedem Fall, erscheint es nachträglich sinnvoll, sich über die Zielgruppe und den damit verbindbaren Anspruch an die gemeinsame Arbeit für solche Angebote vorher genauer zu verständigen.

Vom ersten künstlerisch-pädagogischen Experiment dieser Art war nicht zu erwarten, daß auf Anhieb ein perfektes Modell einer weborientierten Medienkunstpädagogik für Erwachsene ausdefiniert wird. Die Entwicklungen der Internetkunst und der Webkultur allgemein sind selbst noch so diffus und von so hoher Dynamik, daß Prognosen über mögliche Formen der Weiterentwicklung von Projekten wie "Wege und Spuren" selbst vor dem Hintergrund der gemachten Erfahrungen auf absehbare Zeit gewagt bleiben werden.

Als Einstieg in die weitere Reflexion des Projekts und auf der Suche nach Verbesserungsmöglichkeiten bietet es sich an, zunächst jene "Vorgängermodelle" in der Kunst und Pädagogik zu untersuchen, die auf gemeinsamer Interaktion in ästhetischen Prozessen basieren. Strukturelle Analogien im methodischen Vorgehen weisen aktionistische Kunstpädagogik und soziokulturelle Animation auf, wie sie Ende der siebziger Anfang der achtziger Jahre entwickelt wurden(vgl.: Künstler & Kulturarbeit, Kunstaktionen, Pädagogische Aktion München, Shaw). Webart allgemein und speziell ein pädagogisches Projekt wie "Wege und Spuren" sind ebenfalls solch Rezipienten integrierende ästhetische Prozesse. Das verbindende Spezifikum materieller und immaterieller Aktionsformen ist, die gemeinsame ästhetische Tätigkeit verschiedener Leute innerhalb einer dafür arrangierten Handlungsstruktur, durch die das Kunstwerk überhaupt erst konstituiert und gänzlich rezepierbar wird. Ein Unterschied zwischen materieller Mitmachaktion im Realraum und von Webartprojekten im virtuellen Raum ist, daß die Teilnehmer im Netz nicht lokal versammelt sind. Wesentlicher aber ist, daß der webbezogene Aktionsprozeß nicht per direkter Mensch zu Mensch Interaktion, sondern per Programm automatisch über Interface, Navigationsstruktur und Dramaturgie der Webpräsens gesteuert wird. Ein daraus ableitbares Manko interaktiver Medienkunst, zu der ich hier die Webart zähle, ist, daß ein automatisch per Programm gesteuerter Handlungsrahmen immer nur formal vordefinierte Aktivitäten zuläßt und für strukturelle und unkonventionelle Eingriffe seitens der Nutzer abgesperrt bleibt. Ein Beitrag kann dabei immer nur so komplex sein, wie es das aufnehmende Interface zuläßt. Die Möglichkeiten bildnerischer Praxis und direkter Interaktion sind deshalb im Web bislang wesentlich beschränkter als in der materiellen Welt.

Vergleicht man realräumliche und virtuelle Aktionsformen zeigt sich dennoch, die wesentlichen Steuerungsprinzipien sind verwandt. Am deutlichsten sichtbar werden diese in Environments soziokultureller Animation. Hier sind immer die Elemente Animation, Interaktion und Produktion zu einer realen räumlichen Situation arrangiert, in der Menschen konkret ästhetisch praktisch handeln können. Um im Realraum das Mitmachen von freiwilligen Teilnehmern überhaupt auszulösen, es handelt sich in der Regel um zufällige Passanten, Straßenfestbesucher, Demonstrationsteilnehmer etc., bedarf es einer animativen Aktionskomponente. Hier gilt die aus der allgemeinen Pädagogik bekannte Faustformel: Entweder gelingt es, eine intrinsische Motivation also direkt persönliches Interesse zu erregen, oder das Mitmachen muß extrinsisch mit einer Belohnung motiviert werden. Das größte künstlerisch-methodische Problem dabei - die eigentliche Gestaltungsaufgabe - ist, die Entwicklung der konkreten materiellen Handlungsmöglichkeiten der Nutzer und deren Einbindung in ein nachvollziehbares, zu bewältigendes Handlungsziel. Der zu inszenierende Interaktionskontext des Rezipienten kann dafür sehr frei oder sehr stark determiniert arrangiert werden. Die Bandbreite der Beteiligung reicht von einfachen von jedermann leicht ausführbaren Handlungen bis hin zur Inszenierung und Vermittlung neuer gestalterischer Repertoires für die Aktion selbst. Einfache spontan nutzbare Handlungsangebote können ein gemeinsam gestaltetes Objekt entstehen lassen, z.B. eine gemeinsame Spurensuche oder ein von vielen gemaltes Bild (vgl. Eine Stadt macht ein Kunstwerk). Aber auch komplexe Inszenierungen mit unterschiedlichen spielähnlichen Handlungsmöglichkeiten können solchen Aktionsrahmen determinieren (vgl.: z.B. Gläsernes Atelier - Eulenspiegeleien). Den mit Abstand komplexesten Aktionsrahmen dieser Art, stellt die Pädagogische Aktion München mit der Kinderstadt Minimünchen dar (vgl.: Die Kinderstadt).

Das Projekt "Wege und Spuren" stellt eine Verbindung zwischen Soziokultureller Animation und Webart dar. Ästhetisch gleicht Cyberscape der Webart, ist allerdings nicht wie diese automatisch gesteuert. Strukturell ist es verwandt mit einfachen künstlerischen Mitmachaktionen. Die primären animativen Komponenten wurden über konventionelle Werbemaßnahmen vor Ort realisiert. Die Produktionsmöglichkeiten waren Computeranlagen mit Grafikprogrammen in den jeweiligen Unterrichtsorten. Das eigentliche Aktionszentrum bildete Cyberscape. Diese Plattform determinierte formal die möglichen Beiträge und deren zusammenwirken in der fertigen Präsentation. In das damit vorgegebene Raster konnten die Teilnehmer eigene kleine Beiträge (Bilder/Texte) einfügen. Das Thema dafür war relativ offen, so das ein weites Spektrum von Bildbeträgen akzeptabel war.

Ein im Realraum betreutes Webprojekt wie "Wege und Spuren" ist ein Ansatz, direkte künstlerische/pädagogische Intervention in einen gemeinsamen digitalen vernetzten Aktionsprozeß zu integrieren. Die bislang übliche automatische Benutzerführung wird damit teilweise aus der Webpräsenz extrahiert und direkt von Künstlern, Animateuren und Pädagogen übernommen. Durch diese Erweiterung sind wesentlich komplexer multilokale Aktions- und Lernformen als mit automatischen Webaktionen machbar. Eine Kombination von programmierter Arbeitsplattform sowie künstlerischer und pädagogischer Unterstützung für örtliche Gruppen ist, vergleichbar einer künstlerischen Mitmachaktion, im Ansatz eine pragmatische pädagogische Reaktion kultureller Bildung auf die erweiterte Ästhetische Praxis der Netzkultur. Solche kreativ und kolaborativ nutzbaren Webplattformen sind, wenn man das Modell entsprechend erweitern würde, ein innovatives kreatives Lern- und Betätigungsfeld. Von öffentlichem Interesse daran ist, daß damit der vorherrschenden Tendenz zum passiv konsumierenden Web-Surfer pädagogisch und künstlerisch etwas entgegengesetzt werden kann. Für Künstler und Pädagogen ergäbe sich hier neben den traditionellen rein ortsgebundenen Vermittlungsformen ein neues weitreichendes Arbeitsfeld zwischen Bildung, Kunstpraxis und Unterhaltung. Die technischen Voraussetzungen dafür sind entwickelt. Was fehlt sind weitere speziell dafür entwickelte Webplattformen, die als Ausgangsbasis für solche Handlungsfelder dienen könnten.

Die Frage nach dem Bedarf für solche Angebote und nach der Motivation potentieller Teilnehmer darf dabei natürlich nicht aus dem Blick geraten. Denn betrachtet man den Status Quo Kultureller Bildung sieht es eher traurig aus. Im Zentrum steht die rückläufige Aneignung etablierter bürgerlicher Kultur und die praktische traditionelle bildnerische Betätigung als kreative Freizeitbeschäftigung. Was das Internet betrifft, läßt sich anhand der schon vorhandenen Bildungsangebote sagen, daß zunächst erst einmal ein allgemeines Informationsinteresse am neuen Medium selbst vorhanden ist. Im praktischen Bereich geht es im wesentlichen um die Vermittlung von know how zur Herstellung von Websites.(allerdings sind das in der Regel Angebote der EDV-Fachbereich und nicht der Kulturellen Bildung.) Die Motivationslage der Teilnehmer von "Wege und Spuren" bildet dieses Spektrum ab. Da ist auf der einen Seite eine diffuses Interesse am Internet und an Kunst allgemein, gekoppelt mit der Neugier an elektronischer Bildherstellung und auf der anderen Seite der Wunsch beruflich oder privat

Websites zu gestalten. "Wege und Spuren" führte über diese Interessen hinaus und zeigte den Teilnehmern ansatzweise, daß die kolaborativ konstituierte Ästhetik des Internet sehr interessant sein kann und sich durchaus mit der gemeinsamen gestalterischen Tätigkeit vor Ort verbinden läßt. Vor dem Hintergrund längst degenerierter soziokultureller Animation á la "Malaktion im Einkaufszentrum als Kinderparkplatz" ist "Wege und Spuren" als erster Prototyp eines neuen weborientierten Lernfeldes ästhetischer Praxis für die Kulturelle Bildung ein vielversprechender Anfang, den es auszubauen gilt.

Literaturhinweise:

Gläsernes Atelier Braunschweig, Eulenspiegeleien. In: (Hrsg.)HdK-Berlin: Kultur auf der Kippe, Jahrbuch ästhetische Erziehung 2, Berlin 1885, 133ff.

Grüneisl, Gerd/ Zacharias, Wolfgang: Die Kinderstadt, Reinbek bei Hamburg, 1989.

Hans, Jürgen: Kulturpädagogik. In Kunst + Unterricht Nr. 85 Juni 1984, 12f (Eine Stadt macht ein Kunstwerk).

Künstler und Kulturarbeit, (Hrsg.)HdK-Berlin, Berlin 1982.

Kunstaktionen, Bundesverband Bildender Künstler(Hg.) o.J. o.O.

Shaw, Jeffrey: Eine Gebrauchsanweisung, Karlsruhe, 1997.